Island bleibt ausserhalb der Europäischen Union
52,8 % der Isländer lehnen die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Brüssel ab. Ausschlaggebend waren der Schutz der Fischerei und der nationalen Souveränität.

Island wird die Verhandlungen über einen Beitritt zur Europäischen Union nicht wieder aufnehmen. Beim Referendum am Samstag, 29. August 2026, lehnten 52,8 % der Isländerinnen und Isländer den Vorschlag der von der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir geführten Mitte-links-Regierung ab, den Dialog mit Brüssel wieder aufzunehmen.
Das Referendum war formell nicht bindend, doch die Regierung hatte sich verpflichtet, das Ergebnis zu respektieren. Frostadóttir hatte zudem angekündigt, dass sie im Falle eines „Nein“ die Frage eines EU-Beitritts bis zum Ende ihrer Amtszeit im Jahr 2028 nicht erneut aufgreifen werde. Das Parlament könnte nun auch über einen formellen Rückzug des isländischen EU-Beitrittsgesuchs beraten.
Die Wahlbeteiligung war mit 82,5 % aussergewöhnlich hoch. Das „Ja“ setzte sich lediglich in den beiden Wahlbezirken der Hauptstadt Reykjavík durch, während das „Nein“ in den vier anderen Bezirken mehr als 60 % erreichte. Das Ergebnis verdeutlicht die tiefe Spaltung des Landes in der Frage seiner europäischen Zukunft.
Ein Land, das Europa bereits nahe ist
Mit rund 400.000 Einwohnern ist Island bereits eng in das europäische System integriert. Das Land ist kein EU-Mitglied, gehört jedoch der EFTA (Europäische Freihandelsassoziation) an, zusammen mit der Schweiz, Norwegen und Liechtenstein. Über die EFTA nimmt Island am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) teil und hat damit Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Zudem gehört das Land zum Schengen-Raum.
EFTA: Zusammenarbeit ohne Verzicht auf Souveränität
Die EFTA (Europäische Freihandelsassoziation) ist eine Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz. Im Gegensatz zur EU handelt es sich nicht um eine politische Union und sie verfügt nicht über gemeinsame supranationale Institutionen. Die Mitgliedstaaten behalten ihre nationale Souveränität vollständig.
Die Fischerei als entscheidender Faktor
Im Mittelpunkt der „Nein“-Kampagne stand vor allem die Fischerei, ein zentraler Wirtschaftszweig und wichtiger Bestandteil der nationalen Identität Islands. Ein EU-Beitritt hätte die Anwendung der Gemeinsamen Fischereipolitik bedeutet und damit die Sorge verstärkt, die Kontrolle über Fangquoten und Meeresressourcen teilweise zu verlieren. Auch die Landwirtschaft wäre ein wichtiger und sensibler Punkt möglicher Beitrittsverhandlungen gewesen.
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Brüssel respektiert das Abstimmungsergebnis
Die Europäische Kommission erklärte, die Entscheidung der isländischen Bevölkerung voll und ganz zu respektieren, und betonte, dass Island weiterhin „einer der engsten Partner“ der EU sei. Auch der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, und Frostadóttir bekräftigten ihren Willen, die Beziehungen zwischen Reykjavík und Brüssel weiter zu stärken.
EU-Beitrittsfrage bis 2028 auf Eis
Das Ergebnis stellt einen schweren Rückschlag für die EU dar. Brüssel hätte die Wiederaufnahme der Verhandlungen begrüsst und war bereit, insbesondere bei den Themen Fischerei und Landwirtschaft nach Kompromissen zu suchen. Die Frage eines EU-Beitritts bleibt nun mindestens bis 2028 auf Eis.
Island hatte 2009, nach der schweren Finanzkrise, seinen EU-Beitrittsantrag eingereicht. Die Verhandlungen wurden jedoch 2013 nach dem Amtsantritt einer euroskeptischen Regierung ausgesetzt.
Ausschlaggebend für das „Nein“ war vor allem die Fischerei, die fast 40 % der isländischen Exporte ausmacht. Die Sorge, die Kontrolle über die eigenen Gewässer zu verlieren, überwog letztlich die Argumente der Regierung, die in einer Wiederaufnahme der Verhandlungen eine Chance zur Stärkung der wirtschaftlichen und geopolitischen Stabilität des Landes sah.
Das Ergebnis bedeutet damit einen Rückschlag für die Mitte-links-Koalition, aber keine Abkehr von Europa: Island bleibt über EFTA, EWR und Schengen eng mit Europa verbunden und bewahrt gleichzeitig seine nationale Souveränität.






